Berliner Klavierfesteival 2026. Sophia Liu spielt Tschaikowski-Pletnevs Nussknacker-Suite, Liszt‘ Sonetto 123 del Petrarca und Réminiscenses de Norma, Chopins Études op. 10, Nocturne op. 9 Nr. 3 und Ballade Nr. 1, sowie Variationen auf ‘Là ci darem la mano’.

Diesmal begrüßen mich die Siznachbarn schon mit freundlichem Nicken, als ich meinen Platz in der linken Seitenreihe ansteuere. Wir vergewissern uns, dass der Besucher, der in den Zugaben gerne quasselt, heute nicht da ist, tauschen uns über die Programme der letzten Tage aus. Die Herren links von mir freuen sich auf Chopin und bitten um Handyhilfe beim Stummschalten.
Sophia Liu kommt auf die Bühne. Ich wusste ja dass sie jung ist, aber meine Güte, in echt wirkt sie noch jünger als auf dem Foto im Programm, gekleidet in eine glitzernde weiße Tüllwolke. Die Klavierbank ist sehr hoch eingerichtet, sie schraubt sie noch etwas höher – und setzt sehr bestimmt und deutlich zur Orchestertranskription der Nussknacker-Suite von Pletnev nach Tschaikowski an. Ich war nicht so begeistert, dass noch eine Fondanttorte auf dem Programm steht: Hätte Tschaikowski ein Stück für Klavier schreiben wolllen, hätte er… Gerade im Vergleich zu Sudbin entsteht hier allerdings nie der klangliche Eindruck eines Orchesters. Eher könnte man auf die Idee kommen: das ist ein Stück, das am Klavier komponiert wurde (was durchaus naheliegend ist) und das Tschaikowski dann für Orchester adaptiert hat. So tänzerisch, so ein timing, so präzise rhythmisch könnte das ein Orchesterapparat kaum realisieren. Dabei ist deutlich zu merken, wie sich die Pianistin von Satz zu Satz steigert. Vielleicht wäre ihr anzuraten, künftig auch erst einmal eine Mozartsonate zum Einspielen vor das Progrann zu spannen.
Es folgen das Petrarca-Sonett von Liszt, das auch am Dienstag schon auf dem Programm stand, danach die Reminiszenz an Norma, gespielt vielleicht ein bisschen weniger virtuos und klanglich weniger differenziert, dafür mit Druck, Wucht, Rhythmus, sehr beeindruckend.
In der Pause stärke ich mich mit Kaffee, F. stärkt sich mit Sekt, da werden wir von L. überrascht, der hier gerade im Gästeservice arbeitet und uns sanft ermahnt, dass es in wenigen Minuten weitergeht. Ich hatte ihn schon am Donnerstag im Rang erspäht und dann wieder aus den Augen verloren. Schön!
Nach der Pause folgen eine Reihe von Chopinetüden. In ihrer Jugend waren das die Paradestücke meiner Großmutter gewesen. Als ich sie kannte, war an die dazu notwendige Fingerfertigkeit vermutlich seit Jahrzehnten nicht mehr zu denken. Sie trauerte den Stücken dennoch weiter nach. Nocturne und Ballade interpretiert Sophia Liu wie die Etüden kompetent, flüssig und präzise, vielleicht etwas glatt.
Großer Höhepunkt des Abends sind für mich – neben dem Liszt – die Variationen über ein Don-Giovanni-Thema, das ist mitreißend, kraftvoll und teilweise einfach amüsant, man mag nicht glauben, dass das eine Siebzehnährige interpretiert.
Das Publikum, zurecht begeistert, erklatscht sich drei Zugaben, zwei Walzerbearbeitungen und ein Marsch – Sophie Liu kennt ganz offensichtlich ihre Stärken wenn es um Rhythmus und timing geht, standing ovations am Ende. Von dieser Pianistin wird noch zu hören sein.
Weil sich Gendarmenmarkt und das Konzept gemütliche Kneipe irgendwie ausschließen, fahren wir anschließend an den Potsdamer Platz, wo es natürlich auch keine genütlichen Kneipen gibt, aber immerhin finden wir im Lindenbräu einen ruhigen Sitzplatz und ordentliches Bier mit freundlichem Service.
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