Berliner Klavierfestival 2026. Stephen Hough

Stephen Hough spielt Schuberts Klavierstück D 946 Nr. 2, Brahms‘ Klavierstück op. 118 Nr. 6, Schönbergs Kleine Klavierstücke op. 19, Beethovens Sonate Op. 53 „Waldstein”, Schumanns Carnaval und Sherman-Houghs Mary Poppins Suite.

Schumanns Carnaval ist eine längere Reihe sehr kurzer Charakterstücke, die fiktive und reale Persönlichkeiten darstellen, die Schumann zu einem musikalischen Maskenball zusammenkommen lässt. Stephen Houghs zweiter Auftritt ever beim Berliner Klavierfestival ist ein Recital, das aus einer Reihe sehr kurzer und relativ kurzer Stücke bzw. Sätze besteht, die Hough um Schumanns Carnaval quasi herumbastelt.

Schuberts Klavierstück Es-dur D 946 Nr. 2 beginnt ruhig und zart, harmlos und melancholisch, fast wie ein Wiegenlied. Hough spielt mit ruhiger Hand, scheint die Hände kaum von den Tasten zu heben, das Instrument zu streicheln – das bleibt so in dem aufgewühlten, kraftvollen Mittelteil: Hough ist die Ruhe selbst, erzeugt die unterschiedlichsten Stimmungen, Tempi , Dynamik mit kaum merklicher Bewegung seiner Hände. Sein Spiel ist die totale Kontrolle des Instruments, hier passiert nichts mit Schwung oder Pathos, sondern mit ruhiger Selbstverständlichkeit (diese Aufnahme mit Sokolov wirkt dagegen direkt hektisch), scheinbar anstrengunglos der Übergang in den verträumten Schlussteil. Danach kräftiger Applaus im kleinen Saal. Der Pianist wirkt fast irritiert ob der Unterbrechung.

Es folgt das Brahmsintermezzo op. 118 Nr. 6 über das Dies-irae-Motiv, das auch schon am Dienstag gespielt wurde und das ich in seiner schaurigen Grundstimmung sehr gerne mag. Daran schließen sich mit nicht mehr als einem knappen Atemzug und ohne Zwischenapplaus die kleinen Klavierstücke von Arnold Schönberg an, weniger melodisch, dafür ähnlich schaurig-gruselig und spannungsgeladen, das passt überraschend gut zu einander und schließt dann vor der Pause mit der Waldsteinsonate ab. Den ersten Satz nimmt Hough in einem zügigen Tempo, auch hier extrem bewegungsökonomisch bei genauer und facettenreicher Klanglichkeit. Hier sitzt einfach alles. Nach dem ersten Satz hält das Publikum nicht länger durch und applaudiert anhaltend.

Nach der Pause dann er eigentliche Carnaval. Das ist ein Bravourstück für Hough, in dem er seine unfassbare Wandlungsfähigkeit in den kleinen Miniaturen zeigen kann, die er unprätentiös hintereinanderreiht. Auf den Davidsbündlermarsch folgen wieder direkt anschließend drei Adaptionen der Mary-Poppins-Filmmusik von 1964 von Richard Sherman, die Steven Hough für Lang Lang und dessen Disney-Programm arrangiert hat. Der letzte Satz supercalifragilisticexpialidocious, lässt sich mit „Reminszenz an die Waldsteinsonate“ treffend übersetzen. Ein Glück, dass in England niemand den Unterschied zwischen E- und U-Musik versteht.

Lang anhaltender Applaus, der Pianist wird wieder und wieder auf die Bühne geholt und spielt schließlich als Zugabe einen Chopin-Walzer. Trotz der bekannt sauerstoffarmen Luft in der zweiten Konzerthälfte, und einem Glas Wein in der Pause statt des üblichen Koffeinschubs, könnte es für mich so noch stundenlang weitergehen. Wir verabschieden uns von F. und erfreuen uns stattdessen zuhause noch an Houghs Most Favourite Things.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert