Marc-André Hamelin spielt Haydns Sonata Hob XVI:37, Zappas Ruth Is Sleeping, Wolpes Passacaglia, Oswalds TIP, Medtners Improvisation Nr. 1 und Danza festiva, Rachmaninows Étude-Tableau und Sonate Nr. 2.
Letzter Abend des Festivals. Das Publikum ist, wie im letzten Jahr, merklich jünger und mehr Fan als an den anderen Abenden. Wir sind früh im Konzerthaus und starten den Abend mit einem Aperitiv. Meine „neuen Freunde“ auf den umliegenden Sitzen sind auch schon da. Wir tauschen uns über die bisherigen Konzerte aus: welcher Abend war der beste, wer ist der beste Pianist?
Vor dem letzten Konzert meine ich: von Eckardstein hatte das beste Programm, Sudbin hat die beste Orchestersimulation erzeugt und Skrjabin sensationell interpretiert. Sophia Liu hat mich mit Rhytmus und Timing überzeugt, Steven Hough mit seinem perfekten Spiel und seiner Wandlungsfähigkeit. Jetzt also Hamelin.
Auch dieses Konzert startet mit einem Klassiker der Klavierliteratur, einer Haydn-Sonate. Falls Hamelin das zum Einspielen braucht, lässt er es nicht nicht anmerken, die Interpretation ist perfekt. Es folgen drei Stücke, die mir unbekannt sind, die selten gespielt werden und mit denen der Pianist vermutlich nicht nur das Publikum sondern auch sich selbst herausfordern möchte. Die perkussive Klangcollage Ruth is Sleeping komponierte Frank Zappa an einem Synclavier, das es ermöglichte, Musik direkt auf eine Festplatte einzuspielen und in Form von Samples auszugeben. Hamelin spielt das Stück auf einem klassischen Konzertflügel von Yamaha, benötigt allerdings die Notation auf einem Tablet für seine Aufführung.
Das gilt auch für die Passacaglia von Stefan Wolpe. Das ist klassische Zwölftonmusik, aber in eine strenge und verschlungene Form gebracht. Hamelin macht die komplizierte Linienführung hörbar, es ist faszinierend, das würde ich gerne noch öfter hören und es besser zu verstehen.
Eine weitere Klangkollage, TIP, stammt von John Oswald, eine Art Bob Dylan der Instrumentalmusik. Er selbst nennt seinen Stil Plunderphonics, fügt Fragmente bestehender Kompositionen aller Genres bruchlos in- und übereinander und erzeugt so einen Strudel aus Wiederkennen, Bekanntvorkommen und neuer Dynamik, die merkwürdig anrührend ist. Sehr eigen, auch das würde ich gerne noch ein paarmal hören.
Nach der Pause folgt dann der physisch kräftezehrendere Teil des Programms: Medtner und Rachmaninov, romantische Klaviermusik wie sie sein soll, zwischen leise träumend und laut grollend, dabei virtuos und rauschhaft, Hamelin wirkt ganz zuhause und bei sich, spielt mühelos, präzise, differenziert und zugleich enthusiastisch und mitreißend.
Das Publikum, unter das sich wohl auch Chen Zhang mit Basecap inkognito gemischt hat, rastet für Berliner Verhältnisse aus und wird mit drei Zugaben belohnt. Ein fulminanter Schluss eines grandiosen Festivals. Eindeutig der beste Pianist von allen.

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