Berliner Klavierfestival 2026. Yevgeny Sudbin


Berliner Klavierfestival 2026. Yevgeny Sudbin spielt Bachs Fantasie & Fuge a-Moll BWV 904, Skrjabins Sonate Nr. 10 op. 70, Chopins Ballade Nr. 4 f-Moll op. 52, Bach-Rachmaninovs Prélude, Gavotte & Gigue aus der Violin-Partita Nr. 3, Scalattis Sonaten K. 466, K. 208 und K. 455 und Tschaikowski-Sudbins Fantasie-Ouvertüre zu Romeo & Julia.

Ich sitze wieder im auf Platz 5 in der Seitenreihe des kleinen Saals des Berliner Konzerthauses. Beim Ankommen werde ich von den Sitznachbarn freundlich begüßt. Der Mensch, der am Dienstag während der Zugabe quasselte, ist leider auch wieder da. Der andere, der ihn zurechtwies, ebenfalls.

Yevgeny Sudbin kommt deutlich selbstbewusst auf die Bühne, ruckelt dann aber erstmal länglich an der Klavierbank herum und fängt dann unvermittelt an zu spielen. Meiner Klavierlehrerin hätte das gefallen: ein kerniger Sound, ein bisschen inbrünstig, sorgfältig alle Mittelstimmen gebunden, alles richtig gemacht – sie hätte allerdings die Hände nicht vor dem Pedal gelöst. Mir kommt der Gedanke, dass diese ersten Programmpunkte den Pianisten dazu dienen sollen, sich und das Instrument im vollen Saal zu kalibrieren. Wie am Dienstag ist das ein bisschen brav, ein bisschen sehr „I could do it standing on my head“ (oder wie mein Sitznachbar in der Pause sagte: der Bach war genauso schlecht wie am Dienstag der Mozart).

Es folgt die „Insektensonate“ von Skrjabin. Ich hab mittlerweile weiter im Soziologieskript gelesen, und vom Problem der scheinbar ewigen Moderne, die in einigen Punkten seit dem 19. Jahrhundert konsistent und unverändert ist (Lohnarbeit und Kapitalerträge), in anderen Punkten (Ästhetik) zunehmend zersplittert und zerfasert, so dass kaum noch von ästhetischen Epochen, sondern von Individualismus gesprochen werden muss. Die Sonate verkörpert genau das: keine klassische Sonatenform, weder wirklich dissonant noch ernsthaft atonal, keine Programmmusik, keine Lautmalerei, und zugleich doch all das und auch wieder nicht. Der Pianist beherrscht das volle klangliche Spektrum: flirrende Triller, zartgetupfte Gesten, flächige Klangteppiche, stechende Akkorde, tänzerische Rhythmen, wie zufällig aneinandergereihte Einzelnoten.

Die Chopin-Ballade ist dagegen näher an den Hörgewohnheiten und wirkt im Kontrast leicht konsumierbar, ist vermutlich auch deutlich bekannter, das Publikum ist begeistert (ich auch, aber der Skrjabin war schon deutlich interessanter).

Nach der Pause folgen drei Scarlatti-Sonaten, die der Pianist im Programmheft als seine Kuscheldecke bezeichnet. Anders als bei dem Bach zu Beginn des Recitals bedeutet das aber nicht, dass der Pianist sich im Konventionellen ausruht, im Gegenteil, hier nimmt er sich alle Freiheiten der Umsetzung und spielt mit dem Notentext, es ist eine helle Freude.

Den Abschluss bildet die Transkription des Pianisten der Fantasie-Ouvertüre von Tchaikovskis Romeo & Julia. Das ist furios, Sudbin erzeugt scheinbar mühelos die Klangwelt und den druckvollen Klang eines großen Orchesters. Es ist wirklich beeindruckend. Leider geht es mir damit ein bisschen wie mit Torten in Form von Polizeiautos: ich kann die handwerkliche Konditorkunst wertschätzen, die eine perfekte Illusion erzeugen kann, beeindruckender finde ich aber etwas, das sich selbst in neuer, ungewohnter oder einfach herausragender Form zeigt. Es gibt standing ovations, Bravo-Rufe, und: sehr ungewöhnlich in Berlin: ein paar Leute trappeln mit den Füßen.

Als Zugabe holt der Pianist seinen kleinen Sohn Alik auf die Bühne. Vierhändig spielen sie eine Bachbearbeitung, das ist sehr anrührend.

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