Kein Naturgarten

Jetzt ist viel Arbeit, sagt die Nachbarin. Eigentlich nicht, sage ich und denke: noch nicht, es ist einfach noch zu früh im Jahr. Sagt die Nachbarin: ja, ihr habt ja auch einen Naturgarten.


Haben wir einen Naturgarten? Haben wir deshalb weniger Arbeit damit?

Ein Garten ist von seinem Konzept her das Gegenteil von Natur. Wäre unser Garten Natur, das heißt, würden wir nicht mehr eingreifen, würden ihn wohl zuerst Brombeeren überwuchern, irgendwann würde sich ein Birkenhain etablieren, darunter würden junge Buchen hochkommen und schließlich wäre da ein Wald.

Weil wir eingreifen, ist es ein Garten. Das heißt, das Gelände ist nicht left to its own devices. Es ist ein Garten, weil wir es so wollen und es aktiv daran hindern, sich in einen Wald zu verwandeln. Dieser Garten ist nicht dazu da, uns mit Gemüse zu versorgen (das kann Levin Müller deutlich besser als wir und ich weiß aus eigener Anschauung, dass ein Selbstversorgergarten in der Saison ein fulltime job ist). Der Garten soll auch nicht die Welt retten. Vielmehr handelt es sich um einen klassischen pleasure ground, einen Lustgarten, seine einzige Aufgabe ist es, uns zu erfreuen.

Wir greifen ein, indem wir Wege mähen, Bäume, Sträucher und Rosen beschneiden, Beete abstechen, Unkraut jäten, Stauden pflanzen, Einjährige Pflanzen aussäen. Gelegentlich gießen oder düngen wir auch. Selten bekämpfen wir irgendwas (Buchsbaumzünsler, Rosenblattwespen, sehr gelegentlich Schnecken) oder versuchen, es aus dem Garten fern zu halten (Giersch, Kanadische Goldrute, Hasen, Rehe).

Wir erfreuen uns an dem, was dort bereitwillig wächst (genügsame Stauden, Apfelbäume, Rosen, Wiese). Uns erfreut auch, zu erkennen, was dort bereitwillig wächst, und dann mehr davon oder ähnliches dort auszupflanzen und auszubreiten. Uns erfreut, wenn wir selten gießen, jäten, spritzen oder düngen müssen. Weniger, weil wir das generell ablehnen würden, sondern weil es uns noch mehr erfreut, die Zeit im Garten damit zu verbringen, zu lesen, zu sinnieren und dabei immer wieder den Blick schweifen zu lassen. Vermutlich ist das unsere Natur.

Kommentare

2 Kommentare zu „Kein Naturgarten“

  1. Avatar von ClaudiaBerlin

    Schöner Blogpost! „Garten“ ist nie nur „Natur“, richtig!
    Wir nennen unseren Garten „naturnah“, weil er sich von den dominierenden Zier- und reinen Gemüsegärten durchaus unterscheidet. Allerdings müssen wir auch „ein Drittel kleingärtnerische Nutzung“ umsetzen, weil der Garten in einer Kleingartenanlage liegt. Ein Kompromiss also – und Arbeit gibts durchaus, auch abseits der Gemüsebeete, obwohl wir viel einfach wachsen lassen.
    Obwohl ich ihre Ausbreitung bekämpfe, bewundere ich die dominanten heimischen Gewächse, die binnen kurzer Zeit den Garten übernehmen würden, würden wir nichts tun. Bei uns sind das Brombeere, Hartriegel und Hopfen, die wir regelmäßig eindämmen müssen.

    1. Avatar von admin

      Den Hartriegel schneide ich auch regelmäßig ab, allerdings vor allem aus optischen Gründen („winter interest“).

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