Soziologie ist ein Produkt der „Großen Transformation“. Die „Große Transformation“ ist das erste Studienobjekt der Soziologie. Modern bedeutet gegenwärtig, neu, aber auch vorübergehend, jede Epoche erlebt sich als modern. Aus Sicht der Postmoderne steht die Moderne für ewige Wahrheit, Werte und Normen und ein sicheres Geschmacksurteil. Die Große Transformation geht mit drei Revolutionen einher: die ökonomische Revolution in England (Landwirtschaft->Industrie + Rechtsstaat), die politische Revolution in Frankreich (Monarchie->Republik) und die kulturelle Revolution in Deutschland (Kollektivismus->Individualismus). Die Soziologie möchte die „Zeichen der Zeit“ erkennen. Die Menschen sind heutzutage überinformiert und unterorientiert. Zeitdiagnosen funktionieren konstitutiv (natürlich?), kognitiv (wahr?), expressiv (authentisch?) und evaluativ (gut?). Zeitdiagnosen leiden an Adäquanz (Begriffsbildung?), Zeitgeist (Begriffsakrobatik?) und Normativität (Nachprüfbarkeit?).
Karl Marx war der Prophet des Sozialismus. Marx erkannte die notorische Krisenhaftigkeit des reinen Kapitalismus. Seine Zukunftprognose beruhte jedoch auf spekulativer Geschichtsphilosophie und messianischer Fortschrittsmetaphysik und das wusste er auch. Für Marx beruht die Gesellschaft auf dem Kampf zwischen Unterdrückern und Unterdrückten, konkret in seiner Gegenwarz zwischen Burgeoisie und Proletariat. Für Marx (und Engels) war die Burgeoisie selbst durch Revolution an die Macht gekommen, indem sie die feudal-ständischen Verhältnisse zerstört, die Technik revolutioniert eine international einheitliche Zivilisation geschaffen hatte. Marx (und Engels) erwarteten eine vergleichbare Revolution aufgrund der erwarteten Entwicklung des Proletariats (Ausbeutung, Entfremdung, Verelendung->dichotome Klassenstruktur->politische Organisation der Arbeiterklasse ->Klassenkampf). Das Wesen des Menschen ist Arbeit, die sich in Produkten vergegenständlicht, die in arbeitsteiliger Kooperation hergestellt werden. Marx beschreibt vier Formen der Entfremdung: Entfremdung des Menschen vom Produkt, Entfremdung von der eigenen Tätigkeit, Entfremdung der Menschen untereinander, Entfremdung vom Gattungswesen Mensch. Marx entwickelte eine materialistische Geschichtsauffassung: Grundlage der Gesellschaft sind die materiellen Lebensverhältnisse. Die gesellschaftliche Produktion umfasst Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse. Dabei bilden die gesellscahftlichen Verhältnisse die Basis und die politischen, rechtlichen und kulturellen Beziehungen den Überbau. Die Basis ist das treibende Moment, der Überbau das Trägheitsmoment. Dieses Schema nennt Marx die Dialektik von Sein und Bewusstsein. Wenn die Produktionsverhältnisse mit den Produktivkräften nicht Schritt halten, tritt der Bruch zwschen Sein/Basis und Bewusstsein/Überbau zutage. Dieser Konflikt leitet zwangsläufig eine soziale Revolution ein, die zu einem neuen Gleichgewicht führt. Voraussetzung dafür ist allerdings eine ausreichende Entwicklung der Produktivkräfte. Es gibt eine Entwicklungslogik und damit historische Abfolge von Gesellschaftsformationen. Marx wollte beweisen, dass die sozialistische Wissenschaft besser ist als die bürgerliche Wissenschaft, dass der wissenschaftliche Sozialismus besser ist als ein spekulativer Sozialismus und die radikale Gesellschaftskritik leine konkrete Transformationsstrategie liefert. Marx plante die Themen Kapital, Grundeigentum, Lohnarbeit, Staat, Außenhandel und Weltmarkt zu betrachten, kam aber über das Kapital nicht hinaus. Er wollte darin die Naturgesetze der kapitalistischen Produktion aufdecken. Waren sind durch ihren Gebrauchswert und ihren Tauschwert bestimmt. Der Tauschwert entsteht durch abstrakte Arbeit, das ist die Verausgabung von „Hirn, Muskel, Nerv, Hand“, gemessen in Arbeitszeit. Der Tauschwert wird in Geld ausgedrückt. Arbeitskraft wird wird gegen Arbeitslohn grundsätzlich äquivalent getauscht. Tatsächlich wird in der Arbeitszeit mehr produziert als es dem Äquivalent des Arbeitslohn entspricht, diese Diskrepanz nennt Marx Mehrwert bzw. Ausbeutung. Die Ausbeutung wird durch Arbeitsteilung und technischen Fortschritt verschärft, da für das selbe Produkt weniger Arbeitszeit benötigt wird. Der Wert der Ware setzt sich zusammen aus konstantem Kapital (Maschinen), variablem Kapital (Arbeitskraft) und dem Mehrwert: W = c+v+m. Der erwirtschaftete Mehrwert ermöglicht die Investition in konstantes Kapital, das damit variables Kapital zunehmend überflüssig macht und technologisch bedingte Arbeitslosigkeit erzeugt (industrielle Reservearmee). Für Marx ist dies der Grundwiderspruch der kapitalistischen Produktionsweise: es wird zwar immer mehr produziert, die Arbeitslosen nehmen die Produkte jedoch immer weniger ab. Die moderne Gesellschaft hat drei Einkommensquellen: Kapitalerträge, Vermietung/Verpachtung und Arbeitslohn (trinitarische Formel).
Émile Durkheim beschäftigte sich mit dem Zusammenhang zwischen Arbeitsteilung und Moral (Solidarität) „auf der Suche nach einer dynamischen und gerechten Sozialordnung“. Er plädiert für institutionellen Individualismus. Er entwickelt Regeln der soziologischen Methode. Untersuchungsgegenstand der Soziologie sind die sozialen Tatbestände (faits sociaux). Äußerlichkeit, Zwanghaftigkeit, Allgemeinheit und Unabhängigkeit sind Merkmale sozialer Tatbestände. Sie existieren außerhalb des individuellen Bewusstseins und müssen anerzogen werden, sie sind sozial verbindlich, treten innerhalb einer spezifischen Gesellschaft allgemein aber nicht universal auf und führen ein vom Individuum unabhängiges Eigenleben. Wer das soziale Leben verstehen will, muss soziale Phänomene beschreiben, erklären und beurteilen. Die Phänomene sollen wie Dinge beschrieben und klassifiziert werden. Funktionalität und Kausalität sollen getrennt analysiert werden um ein Phänomen zu erklären. Die Beurteilung soll normale und pathologische Phänomene unterscheiden, wobei eine allgemeine Verbreitung als normal gelten soll. Durkheim thematisiert den Zusammenhang zwischen Arbeitsteilung und Solidarität. Solidarität besteht für Durkheim, wenn die Werte einer Gesellschaft in ihrer Sozialstruktur und ihren Institutionen zum Ausdruck kommen. Durkheim beleuchtet den Zusammenhang ex negativo indem er pathologische Formen darstellt: anomische Arbeitsteilung, erzwungene Arbeitsteilung und eine „andere anormale Form“ (innerorganisatorisches Koordinationsdefizit). Anomie ist Ausdruck einer Anpassungskrise angesichts eines raschen und tiefgreifenden sozialen Wandels, die durch das Entstehen neuer Regeln beseitigt werden kann. Wenn die Regeln eine soziale Ordnung repräsentieren, die dem aktuellen Moralbewusstsein nicht mehr entspricht, müssen diese mit Zwang durchgesetzt werden, wodurch es zu einer Systemkrise kommt, die nur durch eine grundsätzliche Änderung der Regeln beseitigt werden kann. Durkheim untersucht Selbstmorde, Berufsgruppen und Religion und gleicht damit seine Überlegungen ab. Er sieht die Lösung in einem institutionellen Rahmen, der individuelle Freiheiten gewährt und sichert.
Georg Simmel gehört nicht zur klassischen Triade Marx-Durkheim-Weber. Er wird als Struktursoziologe und Kulturkritiker angesehen. Simmels Thema ist Modernität und Individualität, die Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Kultur. Er untersucht „das Ganze“ anhand eines Fragments. Forschung ist abhängig vom Bezugspunkt, Erkenntnis kann immer nur fragmentarisch, unvollständig, korrekturbedürftig sein, denn sie betrachtet jeweils nur einen spezifischen Ausschnitt der Wirklichkeit. Der Mensch ist ein Grenzwesen in doppelter Hinsicht, er hat Grenzen und er ist Grenze. Grenzen haben heißt sich verorten (über-unter, hinter-vor, usw.). In jedem Menschen berühren sich von verschiedenen Polen ausgehende Richtungen. Paradox: „Wir haben nach jeder Richtung eine Grenze und wir haben nach keiner Richtung eine Grenze“. Jeder Mensch trägt einen tiefsten Individualitätspunkt, für sich und für andere nicht vollständig erkennbar. Erkennbar sind nur Fragmente, die wir zu einem vollständigen, nicht unbedingt richtigen, Bild zusammensetzen. Der Mensch ist zugleich Teil der Gesellschaft (Standbein) und eine individuelle Persönlichkeit (Spielbein). Man tritt dem anderen nie nur in der Rolle gegenüber, die man gerade einnimmt, sondern zugleich als individueller Mensch. Vollkommen wäre eine Gesellschaft, in der sich Individualität und äußeres Dasein der Menschen in Harmonie befinden. Simmel sieht emanzipatorisches Potenzial in Arbeitsteilung, Rollendifferenzierung und Funktionsdifferenzierung. Je größer die Gruppe, desto wahrscheinlicher bilden sich innerhalb der Großgruppe kleine Kreise heraus, wer sich in der Schnittmenge mehrer Kreise befindet, hat einen Zugewinn an Freiheit, da er verschiedene Rollenerwartungen koordinieren muss bzw. kann wodurch Gestaltungsspielräume entstehen. Die Großstadt steht für Tempo (Nerven), Dominanz des Verstandes, Sachlichkeit (Geldwirtschaft) und Rechenhaftigkeit. Die Großstadt verlangt Konformismus und erzeugt zugleich eine individuelle Mentalität. Der Großstädter ist demnach blasiert, reserviert, frei von Zwang, frei sein Leben selbst zu gestalten, zugleich kosmopolitisch. „Indem wir Dinge kultivieren, kultivieren wir uns selbst“. Der Einzelne kommt allerdings der enormen Kultiviertheit der Dinge nicht mehr hinterher.
Max Weber fragt sich, weshalb es gerade im Westen zur industriellen Revolution mit der Folge des Kapitalismus, zur politischen Revolution mit der Folge der Demokratie und zur kulturellen Revolution mit der Folge des Individualismus gekommen ist. Ambivalenzen der Moderne stehen autonomer Lebensführung gegenüber. Soziologie ist eine empirische Wirklichkeitswissenschaft, abzugrenzen von den Geisteswissenschaften, denen es um das Verstehen von Ideen und von den Naturwissenschaften, denen es um das Erklären von Gesetzen geht. Soziologie möchte Verstehen und Erklären. Zunächst müssen Ursache-Wirkungs-Relationen festgestellt werden (Kausalanalyse), dann müssen individuelle Faktoren und deren Bedeutung aufgedeckt werden (individuelle Konstellationsanalsyse), die Entstehung muss historisch erklärt werden (genetische Analyse), davon ausgehend kann eine mögliche Zukunftskonstellation formuliert werden (projektive Zukunftsanalyse. Verstehen ist komplex, aber grundsätzlich nachvollziehbar, Mystik oder Hermeneutik braucht es dazu nicht. Es geht darum, soziales Handeln zu verstehen und in Ablauf und Wirkung ursächlich zu erklären. Soziales Handeln ist menschliches Verhalten, dass die Handelnden mit einem subjektiven Sinn verbinden und auf das Verhalten anderer beziehen. Weber unterscheidet vier Handlungstypen: zweckrational, wertrational, affektuell und traditional. Der zweckrationale Idealtypus kontrolliert Mittel, Zweck, Wert und Folgen seines Handelns vollständig. Der wertrationale Typus kontrolliert, Mittel, Zweck und Wert, blendet jedoch die Folgen seines Handelns aus („der Mensch handelt recht und stellt die Folgen Gott anheim“. Der affektuale Typus kontrolliert nur Mittel und Zweck. Der traditionelle Handlungstypus kontrolliert nur die Mittel („immer schon so gemacht“). Die Wirklichkeit lässt sich nicht vollständig mit Begriffen erfassen. Begriffe sind keine Abbilder der Wirklichkeit, sondern Konstruktionen, die in diversen Abhängigkeitsbeziehungen zu Werten und Perspektiven stehen. Der Idealtypus ist nicht Ziel, sondern methodische Messlatte. Die Analyse selbst ist werturteilsfrei durchzuführen. Die einzigartige Konstellation des Westens sind die Kombination aus rationalem Kapitalismus, rationaler Wissenschaft, rationaler Kunst, rationalem Recht, rationalem Staat, rationaler Bürokratie mit professionell geschultem Fachbeamtentum und freie Lohnarbeit. Rationaler Kapitalismus bedeutet, dass Wirtschaftsakte auf der Erwartung von Gewinn durch das Ausnutzen von friedlichen Tausch-Chancen beruhen. Rationale Wissenschaft meint das Ineinandergreifen von Wissenschaft und Anwendung bzw. Technologie. Rationale Kunst folgt in ihrer Formgebung Gesetzmäßigkeiten (Harmonielehre, Kontrapunkt, Gewölbearchitektur, Perspektiven). Rationales Recht beruht auf strengen Schemata und Denkformen. Ein rationaler Staat mit professionellen Fachbeamten zeigt sich an Gesetzesvorrang und Gesetzesvorbehalt, der wirtschaftliches Handeln kalkulierbar macht. Freie Lohnarbeit bedeutet Trennung von Haushalt und Betrieb, Konsum und Investition. Weber stellt die These auf, dass es eine Wahlverwandschaft zwischen Puritanismus und Kapitalismus gibt. Weber beobachtet, dass Protestanten häufiger als Katholiken Unternehmer oder gebildete Arbeiter sind. Tüchtigkeit im Beruf stellt eine Brücke zwischen Religion und Wirtschaft her. Lutherische Frömmigkeit zielt auf eine gottgewollte mystische Gefühlskultur (sola fide), der Calvinismus legt dagegen gottgewirktes, asketisches Handeln und eine methodisch-rationale Lebensführung nahe (fides efficax). Zum asketischen Protestantismus zählen Calvinismus, Pietismus, Methodismus, Täuferbewegung: kein Prediger, kein Sakrament, keine Beichte sichert das Seelenheil, der Mensch muss auf gottgefällige Lebensführung setzen um auf Gnade hoffen zu dürfen vor einem deus absconditus, der frei und willkürlich entscheidet. Der Umgang mit dem Dogma ist jedoch nach Richard Baxter pragmatisch: Jeder hat sich für erwählt zu halten, Zweifel sind des Teufels. Rastlose Berufsarbeit hilft, sich zu vergewissern, zu den beati electi zu gehören. Statt sich dem Schicksal zu ergeben, besteht eine Pflicht zur Selbst- und Weltbeherrschung. Der Puritanismus verurteilt den Genuss des Reichtums, nicht die Anhäufung an sich. Arbeitsteilung und Spezialisierung steigern die Arbeitsleistung, Armut ist ein Zeichen des Teufels. Der einmal eingerichtete Kapitalismus kommt dann ohne den puritanischen Geist aus. Wissenschaft und Politik sind Sphären eigenen Rechts. Nur wenige können aus Wissenschaft in Deutschland einen Beruf machen, der Rest endet als akademisches Proletariat. Verständnishandeln geht zurück, Menschen tun seltener etwas, das sie genau verstehen, stattdessen findet Einverständnishandeln statt: die Menschen benutzen Technik, die sie nicht verstehen. Aber: die Menschen wissen, dass sie es jederzeit erfahren könnten: das ist die Entzauberung der Welt. Wer Politik treibt, erstrebt Macht. Es gibt Gelegenheitspolitiker, nebenberufliche Politiker und Berufspolitiker. Berufspolitiker leben für oder von der Politik. Um für die Politik zu leben, muss man wirtschaftlich unabhängig sein. Herrschaft funktioniert nicht ohne Verwaltung. Es gibt Fachbeamte, die sine ira et studio arbeiten, und politische Beamte, die cum ira et studio arbeiten. Es gibt charismatische und verantwortungsvolle Politiker. Die Charismatiker sind dynamisch aber gefährlich, die Verantwortungspolitiker drohen in Routine und Stagnation zu verfallen. Der Idealtyp des Politikers ist daher für Weber gesinnungsethisch inspiriert aber verantwortungsethisch diszipliniert. Der Kapitalismus treibt Säkularisierung und Entzauberung voran und bedient sich dabei der Rationalisierung. Dies geschieht auf institutioneller Ebene: die Religion wird ins Irrationale abgedrängt, auf ideeller Ebene: die Menschen richten ihr Leben an säkularen Zielen aus und auf inter- und intrainstituioneller Ebene: die religiöse Sphäre wird durch Wertsphären von Wirtschaft und Politik ersetzt. Werte und Regeln einer Spähre lassen sich nicht (mehr) in eine andere übersetzen, die Folge sind Wertkonflikte im Zuge der Ausdifferenzierung der Lebensbereiche. Die Heterogenität der Werte ist das spezifische Kennzeichen der Moderne.