Was sind Ursachen und Merkmale sozialer Ungleichheit? Welche Strukturen liegen sozialer Ungleichheit zugrunde, gibt es Kausalzusammenhänge und welche Veränderungsprozesse finden statt?
Ältere Ansätze zur sozialen Ungleichheit setzen auf Klassen- oder Schichtmodelle. Marx begriff Gesellschaft als Klassengesellschaft und sah das Privateigentum an Produktionsmittlen als Unterscheidungsmerkmal der Klassen wie auch als Ursache sozialer Ungleichheit an. Es gibt grundsätzlich zwei relevante Klassen, die sich antagonistisch gegenüberstehen. Solange Individuen der Klasse nur objektiv angehören, bilden sie eine Klasse an sich. Entsteht daraus ein gemeinsames Klassenbewusstsein und solidarisches Handeln, nennt er dies eine Klasse für sich. Sozialer Wandel erklärt sich aus der Dynamik des Klassenkonflikts. Die weitere Entwicklung hat Marx Modell wiederlegt, es dient jedoch weiter als Bezugsgröße. Weber unterscheidet Besitz-, Erwerbs- und soziale Klassen. Besitzklassen unterscheiden sich nach ihrem Besitz in positiv privilegierte Besitzklassen (Industrielle, Bergwerksbesitzer etc.), Mittelstandsklassen und negativ privilegierte Besitzklassen (Verschuldete, Arme). Erwerbsklassen unterscheiden sich anhand ihrer Chance der Marktverwertung. Soziale Klassen sind solche Klassen, zwischen denen soziale Mobilität möglich ist und typischerweise stattfindet. Die vier sozialen Klassen sind Arbeiterschaft, Kleinbürgertum, besitzlose Intelligenz und die Klasse der Besitzenden und Bildungsprivilegierten. Eine ständische Lage beruht auf sozialem Prestige und zeigt sich in einer bestimmten Lebensführung. Es gibt Berufsstände, Geburtsstände oder politische Stände. Die ständische Lage ergibt sich nicht unmittelbar aus der Klassenlage (verarmter Adel usw.). In Zeiten relativer Stabiltät dominiert die ständische Lage, in Zeiten des Umbruchs rückt die Klassenlage in den Vordergrund. Als Partei bezeichnet Weber eine institutionalisierte Interessengruppe, deren Handeln auf soziale Macht ausgerichtet ist. Webers Ansatz ist differenziert, aber eher beschreibend und fragt nicht nach den Ursachen. Geiger teil die Individuen einer Gesellschaft in verschiedene Schichten ein, die er zunächst nach objektiven Merkmalen unterscheidet und denen der dann eine jeweils vorherrschende Mentalität zuordnet. Das Fünf-Schichten-Modell, das auf der Volkszählung von 1925 beruht, besteht aus Kapitalisten, altem Mittelstand (Unternehmer), neuem Mittelstand (höher Qualifizierte Nichtselbständige), Proletaroiden (Selbständige) und Proletariat (gering qualifizierte Nichtselbständige). Zu jeder Zeit ist ein Schichtungsprinzip dominant, z.B. nach Berufsarten, dsa Prinzip wandelt sich. Eine Weiterentwicklung des Modells ist gescheitert. Strukturfunktionalistische Schichtungstheorien gehen davon aus, dass soziale Schichtung dazu beiträgt, dass das gesellschaftliche Zusammenleben funktioniert. Die Struktur der Schichtung bietet Handlungsorientierung für den Einzelnen unt hält die gesellschaftliche Ordnung aufrecht. Der Rang einer Person ergibt sich aus der funktionalen Bedeutung ihrer Position und der relativen Knappheit des Personals (Herzchirurg wichtig und gibt nur wenige, Müllabfuhr auch wichtig, können aber viele).
Nach dem zweiten Weltkrieg werden Klassen- und Schichtmodelle weiter diskutiert. Schelsky postuliert 1953 Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft. Er stellt eine Entschichtung fest und eine Vereinheitlichung sozialer und kultureller kleinbürgerlich-mittelständischer Verhaltensformen. Die These wurde allgemein abgelehnt. Nach Dahrendorf setzen die Herrschenden die Normen fest, die duch Sanktionen durchgesetzt werden. Schichtung bildet die Herrschaftsstruktur ab. Er stellt die Schichtung als Gebäude mit verschiedenen Räumen dar. Die fehlende theoretische Fundierung des Hasumodells wurde kritisiert. Andere Ansätze bezogen Sozialprestige und die Selbsteinstufung der Indiviuen in die Schichtung mit ein. Hier zeigte sich in allen Modellen eine breite Ausprägung und Ausdifferenzierung der mittleren Schichten, bildhaft z.B. bei Bolte als Zwiebel dargestellt. Dagegen wurde die begriffliche Unschärfe und ungenaue Messbarkeit eingewandt. Neomarxistische Modelle waren zwar theoretisch besser angebunden, konnten jedoch keine lebensnäheren Modelle liefern. Generell arbeiten Klassenmodelle mit ökonomischen Aspekten und postulieren einen Gegensatz zwischen den Klassen und daraus sich ergebende längerfristige Prozesse. Der Fokus liegt auf Analyse der Ursachen sozialer Ungleichheit. Schichtenmodelle wollen die ungleichen Lebensbedingungen in erster Linie treffend beschreiben. Die Schichten liegen zwar hierarchisch geordnet übereinander, stehen aber nicht im Gegensatz. Betrachtete Prozesse betreffen die individuelle soziale Mobilität. Stärkere soziale Differenzierung und zunehmende Statusinkonsistenzen ließen die Klassen- und Schichtmodelle seit den 1980er Jahren als zu abstrakt und lebensfremd erscheinen.
In den 1990er Jahren wurden modifizierte Klassen- und Schichtmodelle vorgestellt. Für Geißler machten gesellschaftliche Veränderungen eine Anpassung der bestehenden Schichtmodelle notwendig. Er überarbeitete das Haus-Modell Dahrendorfs zu einer komplex ausgestalteten Residenz, mit kleinteiliger Unterteilung und Berücksichtung der Migartionsgeschichte. Wie schon Dahrendorf wurde ihm vorgeworfen, die Herleitung des Modells nicht erklären zu können. Neuere Klassenmodelle unterteilen die Bevölkerung kleinteiliger und nehmen zusätzliche ökonomische Merkmale wie Qualifikation und Organisationsmacht als Unterscheidungskriterien auf. Das EGP-Klassenschema mit sieben Klassen ist bis heute weit verbreitet.
Lebensstil- und Milieukonzepte suchen einen Mittelweg zwischen den früheren Strukturmodellen und der Idee entstrukturierten Individualverhaltens. Lebensstilansätze gehen auf die Marktforschung zurück. Lebensstilkonzepte betrachten das Verhalten im Bereich Konsum, Freizeit und im Sozialen. Lebensstile bieten Handlungsorientierung, zeigen Zugehörigkeit und Abgrenzung und prägen die persönliche Identität. Lebensstile fragen nach Verhalten und Einstellungen, weniger nach objektiven Kriterien. Die verschiedenen Lebensstile werden empirisch mithilfe von multivariaten Verfahren ermittelt durch die Gruppen mit ähnlichen Kombinationen identifiziert werden können. Milieus sind Gruppen von Individuen mit gemeinsamen Werten und gemeinsamer Wahrnehmung und gemeinsamer Gestaltung ihrer Umwelt und der Beziehungen zu anderen Menschen. Gegenüber den Lebensstilmodellen sind Werte bei den Milieumodellen die zentrale Dimension. Im Rahmen der Marktforschung wurden die SINUS-Mileus entwickelt. Die Achsen sind soziale Lage (Unterschicht, Mittelschicht, Oberschicht) und Grundorientierung (Tradition, Modern/Individuell, Neuorientierung). Schulze definiert soziale Milieus nach deren Erlebnisorientierung (schönes Leben und zwar sofort, Erlebniswert wichtiger als Gebrauchswert) und unterscheidet drei alltagsäasthetische Schemata (Hochkultur-, Trivial- und Spannungsschema). Jedes Individum positioniert sich in Nähe und Distanz zu den drei Schemata, daraus ergeben sich typische Kombinationen als Milieus, die in den Achsen Bildung und Alter einsortiert werden können. Lebensstil- und Milieumodelle werden als zu sehr empirisch grundiert kritisiert. Bestimmte Fragen lassen sich mit den Modellen gut erklären, z.B. Mortalitätsrisiken. Herrschaftsstrukturen bleiben eher ausgeblendet. Die Modelle können Enstehung und Entwicklung der Gruppierungen bisher nicht erklären.
Bourdieu integriert das Lebensstilkonzept in ein Klassenmodell. Er bestimmt die soziale Position eines Individuums im sozialen Raum. Die Position hängt vom Kapitalvolumen, der Kapitalstruktur (Verhältnis der Kapitalarten zueinander) und der sozialen Laufbahn (Kombination der Kapitalarten im Zeitverlauf) ab. Es gibt drei Arten von Kapital: ökonomisch, kulturell und sozial (ggf. auch noch symbolisches Kapital). Das kulturelle Kapital hat drei Formen: inkorporiertes Kapital (Bildung, Wissen), objektiviertes Kapital (Bücher), institutionalisiertes Kapital (Zeugnisse). Soziales Kapital meint Gruppenzugehörigkeit oder ein Beziehungsnetzwerk und hängt unmittelbar mit der familiären Herkunft zusammen. Die Kapitalarten lassen sich transformieren, die ist mit Aufwand verbunden. Laut Bourdieu gibt es (in Frankreich in den 1960er Jahren) drei Klasse: herrschende Klasse (hohes ökonomisches oder hohes kulturelles Kapital) Mittelklasse und Volksklasse. Bourdieu verknüpft die soziale Position durch den Habitus mit dem Lebensstil. Der Habitus ist eine allgemeine Grundhaltung gegenüber der Welt, dazu gehören bestimmte Wahrnehmungs-, Denk-, und Handlungsschemata. „Der Habitus ist ein System von Grenzen.“
Hradil möchte mit dem Modell der sozialen Lage mehr Dimensionen der sozialen Ungleichheit erfassen als Klassen- oder Schichtmodelle. Sein Lagemodell ist mehrdimensional, wobei die Dimensionen nicht additiv verbunden werden und bildet vor allem objektive Lebensbedinungen ab. Die sozialen Lagen sind nicht unbedingt hierarchisch angeordnet. Exklusion, Abgrenzung oder prekäre Lage beschreibt auffällige Benachteiligungen, stellt aber kein umfassendes Modell sozialer Ungleichheit insgesamt dar.
Beck vertritt die Individualisierungsthese. Demnach befindet sich die moderne Gesellschaft „jenseits von Klasse und Stand“. Gesellschaftliche Großgruppen sind nur noch statistische Artefakte. Der Individualisierungsschub hat drei Dimensionen (Freisetzung, Entzauberung, Reintegration). Ursachen des Individualisierungs prozesses sind der Fahrstuhleffekt, Bildungsexpansion und verstärkte Mobilität.
Marx konzentriert sich auf gesamtgesellschaftlichen Wandel mit dem Klassenkonflikt als Motor. Weber geht von sozialer Mobilität aus, die jedoch nicht grenzenlos möglich ist. Geiger geht davon aus, dass sich im Zeitverlauf verändert, welches Schichtungsprinzip dominant ist. Nach der funktionalistischen Schichtungstheorie trägt die Schichtung zwar zur Stabilität des Systems bei, es kann aber zu Veränderungen der Gewichtung der Merkmale im Zeitverlauf kommen. Nach Dahrendort hält Ungleichheit die Strukturen in Bewegung, neuere Schichtenmodelle betonen die Durchlässigkeit der Schichten. Bei Lebensstilen und Milieus herrscht Stabilität vor, für die Individuen ergeben sich jedoch Veränderungen aufgrund des Lebenszyklus. Mithilfe der sozialen Laufbahn kann Bourdieu Mobilität feststellen und auch einordnen. Soziale Lagen können auch im Zeitverlauf variieren. Bei der Individualisierungsthese ist stetiger Wandel inbegriffen.
Alle Modelle lassen sich zumindest in Teilaspekten empirisch belegen. Die Modelle unterliegen bestimmten Moden. Es besteht die Gefahr, dass die Modelle gesellschaftliche Vorstellungen sozialer Ungleichheit produzieren und manifestieren.
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