
Berliner Klavierfestival 2026. Severin von Eckardstein spielt Mozarts Sonate c-moll KV 457, Schumanns Fantasie op. 17, Brahms‘ Klavierstücke op. 118, Liszt‘ Sonetto 123 del Petrarca sowie die Dante-Sonate. Das Festival gastiert wieder im kleinen Saal des Konzerthaus. Ich sitze auf Platz 5 links, das sind die kleinen Bänke an der Saalseite, die den Vorteil haben, dass man seitlich auf den Pianisten schauen kann und dabei die Beine ausstrecken.
Wie beim letzten Mal denke ich zuerst: was für ein unscheinbarer und zurückhaltender Mensch. Von Eckardstein tritt auf die Bühne, verneigt sich knapp, setzt sich entschlossen hin und zuppelt dann eine Weile am Saum seines etwas flatterigen Hemdes und wuschelt sich durch die Haare. Während man im Publikum denkt, es geht wohl noch nicht los, hat er dann aber überraschend übergangslos schon angefangen zu spielen. Die Mozartsonate klingt erstmal etwas brav, den Anfang hört man auf vielen Aufnahmen deutlich kerniger und prägnanter. Hier klingt es leicht, schlicht, einfach. Ich gerate in den in Konzerten grundsätzlich gefährlichen Gedanken, mit etwas Übung könnte ich das auch spielen. Aber es ist halt nicht die C-Dur-Sonatine von Clementi und das ist auch schon bald deutlich zu hören. Modern klingt das, kontrastreich, wild.
Die Schumann-Fantasie, die direkt danach folgt, ist krass. Ein krasses Stück und das kommt auch voll zur Geltung. Ich denke wieder: wie unglaublich modern. Das zentrale Problem der Soziologie „ist die „Große Transformation“ agrarisch-feudaler Ständegesellschaften in industriell-kapitalistische Klassengesellschaften“ (2D, LE1, S. 6) und sie ist „selbst das Pro-
dukt jener „Großen Transformation“, in der jener Gesellschaftstyp sich allmählich herauskristallisieren sollte, den wir heute kurzerhand die Moderne nennen.“ (2D, LE1, S. 8) hatte ich nachmittags gelesen. Jetzt meine ich die Grosse Transformation deutlich zu hören. Während Mozart innerhalb der Ständegesellschaft freigeistige Dinge macht, aber im Rahmen damaliger Konvention bleibt, höre ich Schumann als wirklich modern – auch wenn das 19. Jahrhundert fern ist, ist es der Gesellschaft in der wir heute leben doch so viel näher. Das Stück ist in der Tat fantastisch – wie die musikalische Illustration eines wilden, dramatischen und teilweise slapstickhaft-komischen, dann wieder auf einer Landschaft verharrenden Stummfilms. Wie fällt einem so etwas ein? Wie bringt man es zu Papier wenn man noch nie einen Film gesehen hat? Der Pianist reitet auf den Wellen, die diese Partitur bietet und „wirft sich voll in die Situation“, es ist zum Staunen und sehr ergreifend.
Nach der Pause die Klavierstücke Op. 118 von Brahms. Hier sticht für mich immer das dies-irae-Motiv heraus. Schöne Miniaturen, sehr kompetent vorgetragen, aber insgesamt weniger krass.
Der Abend endet mit der Dante-Sonate von Liszt. Zehn Jahre nach der Schumann-Fantasie entstanden. Liszt hat offensichtlich den härteren Stoff konsumiert und dabei in die Hölle geschaut. Von Eckardstein nimmt das alles spielerisch, als wäre es leicht, hält die extremen Spannungsbögen durch. Ich habe dagegen Mühe, der Sauerstoff im Saal ist langsam knapp und ich muss mich wirklich konzentrieren um bis zum Schluss durchzuhalten. Das Publikum rastet anschließend trotzdem komplett aus, es gibt standing ovations und Bravo-Rufe, wie man das in Berlin selten erlebt. Aber es ist hier eben eine Nerd-Veranstaltung. Mitgehörtes Pausengespräch meiner Sitznachbarn „waren es nicht früher immer sechs Konzerte, dieses Jahr sind es nur fünf?“ „Nein – es waren immer fünf, von Anfang an, jedes Jahr“.
Drei Zugaben: der letzte Spanische Tanz von Granados, die Etüde für die linke Hand von Blumenfeld und eine Improvisation über einen Jazzstandard – ich weiß den Namen nicht, es ist jedenfalls ein Schaustück seiner virtuosen Technik.
Zuhause muss ich die Etüde und die Schumann-Fantasie jedenfalls gleich nochmal hören. Fast hätten wir uns zum Musikhören auf den Boden gelegt. Aber wir gurgeln ja auch noch nicht mit Schnaps.
Schreibe einen Kommentar